Zweiter Entwurf

 

Es geht hier nicht um einen neuen Stil, sondern um den Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. Wir brauchten neue Formen des Ausdrucks für unser Leben. Die Texte unserer Musik mögen verschlungen und geheimnisvoll klingen, die Struktur unserer Musik jedoch spiegelt unser Leben eindeutig wieder. Aus ihr sprechen Erfahrungen des Alltags und der Kultur. Beide Sphären sind in zunehmenden Maße von Unterbrechung, Dislokation und Geschwindigkeit geprägt. Wir begannen damit, diese Musik zu machen, weil uns bis dahin ein Ausdruck fehlte, der unserer Zeit angemessen schien (=es schien eine angemessene Zeit zu sein für uns, deren Ausdruck bis dahin fehlte, weil wir damit begannen diese Musik zu machen.) Dies äusserte sich vor allem in Unzufriedenheit -ja sogar Langeweile! von der zeitgenössischen Musik. Ich fand mich nicht so recht darin wieder und wollte das tun, wozu das narzisstische, bürgerliche Subjekt neigt und was zu jener Zeit allgemein in allen Sphären des Lebens nahegelegt wurde: auf Alles Zugriff zu haben und Alles ungeachtet seiner Herkunft und Eigenschaften aneinanderzureihen. Änlich wie es im Mp3-Download-Zeitalter im Grunde egal ist, welche Art Musik einer hört, so lange er eine beachtliche Fülle davon auf seinen Speichermedien verwahrt. Diese "Flickenteppichstruktur" (nennen wir sie mal so) der Komposition unserer Musik ist also auch eine Aufbarung, eine Art Aufreihung, eine Ausbreitung vor dem Betrachter -besser: eine Demonstration unserer Reichtümer. Dabei werden die Fragmente, aus denen unsere Musik besteht (oder: aus welchen sie zusammengeklaubt und geflickt ist) mit äusserst repressiver Toleranz behandelt und gewaltsam in ein Korsett geschraubt, wobei sie gewaltsam ihrer Eigenarten beraubt werden -gewissermaßen werden ihnen ihre Eigenarten ENTRISSEN, ist man geneigt zu sagen. Auch wird vermieden, dass den Fragmenten genügend ausreichend Zeit zur Verfügung steht, um sich im Gehör und im Geist des Hörers zu entfalten. Auf diese Weise wird nämlich vermieden, dass Wiederholung und längere Dauer ihre affirmative Wirkung ausbreiten können und ein schicksalsgefügiger Genuß sich bei der Hörerschaft einstellt. Eigentlich können wir auch von Partikeln, anstatt von Fragmenten sprechen, da das Meterial so kleingehackt, so zerkaut und vorverdaut ist, dass es schwierig werden dürfte, dies Erbrochene so weit zu rekonstruieren, bis sich daraus ein wiedererkennbares Fragment ergäbe. Aber die Wiedererkennbarkeit ist zumeist mindestens angedeutet, um die obengenannte Darstellung unserer Besitztümer ausreichend zu gewährleisten. Sie sehen also: unsere Musik ist nichts wirklich Neues, keine Musik der neuen Art oder keine Art der neuen Musik. Vielmehr ist sie ein Ausdruck der Mode. Diesen Umstand wollen wir zwar in unserer Musik kritisch reflektieren und auch kommentieren(!), doch im Wesentlichen und in der Hauptsache ist diese Musik der Mode, dieser Lust am Schlechten verfallen. Wir singen Lobeshymnen auf den schlechten Geschmack und geistige Begrenztheit. Wir empfinden Wonne beim exakten Sezieren von Rythmen und Klängen. Wir genießen die Gewalt und die Aggression, welche wir in unseren Stücken auszudrücken suchen. Wir feiern freudentrunken unsere eigene Verwerflichkeit und Schlechtigkeit, die wir Teilhaber an der heutigen Zeit sind, von welcher wir gleichsam durchsetzt sind (oder: "durchzogen sind", oder: "aus welcher wir hervorgegangen sind"). Wir kreischen und schreien auf die Knie sinkend mit verzückt gespreizten Fingern vor Rührung und Begeisterung für unsere eigenen Leiden. Wir werfen uns zu Boden und wälzen uns sabbernd in der Unfähigkeit die Dinge besser zu machen. Es ist pure Lebenslust und Freude aus tiefstem Herzen am Versagen. Wir klatschen uns auf die Schenkel und jauchzen grinsend dem Untergang entgegen.

HAMBURG, 23. Oktober 2006

 

Erster Entwurf

 

Kunst ist als ernste Angelegenheit zu handhaben, aber so ernst auch wieder nicht. Es lässt sich sagen: Ästhetisches Schaffen stellt Kultur her. Es ist an gesellschaftliche Bedingungen geknüpft, in denen ein gewisser Überfluss an grundlegenden Gütern besteht, damit einzelne Individuen bei der Produktion zweckdienlicher, die Notdurft befriedigender Güter entbehrlich werden können, um dafür Zeit und Arbeit für Artefakte aufzuwenden, die gänzlich anderen Wesens sind und keinen unmittelbaren Zweck erfüllen. Mit zunehmendem Fortschritt der Gesellschaften erhöhte sich meist der Anteil derer, die nicht an der materiellen Reproduktion beteiligt sind und die dafür umso mehr an der Kulturproduktion beteiligt waren. Heute sind in den westlichen Gesellschaften dank der Entfaltung der instrumentellen Vernunft und der Technik die materiellen Grundvoraussetzungen so günstig wie selten zuvor in der Menschheitsgeschichte, um sich vom Reich der Notwendigkeit und der Naturzwänge zu emanzipieren. Gleichzeitig schafft allerdings die historische Aufklärung mit ihrer Emphase auf der instrumentellen Vernunft neue „Naturzwänge“. Diese erscheinen bloß als naturhaft, da sie eigentlich von der Gesellschaft selbst hergestellt werden. Sie sind folglich als zweite Natur bezeichnet worden. So zeigt sie sich beispielsweise als der endlose Rhythmus aus Arbeit und Freizeit, der als schicksalhaft und unabwendbar hingenommen wird, wie der Zyklus der Jahreszeiten. Oder in der Warenform, die Träger und Produkt gesellschaftlich vermittelter Arbeit zugleich ist und nicht für sich sein kann, sondern nur durch ein je anderes, wobei universell ein Jedes auf ein jedes Andere beziehbar ist. Aus diesem Grund ist die Totalität des Marktes unausweichlich, die sich jedoch paradoxerweise nur durch ein ihr Äußerliches konstituieren kann, nämlich der Natur, die vom Markt in stetig wachsendem Maße in Anspruch genommen wird.

Kultur ist, wie der kritische Theoretiker Theodor W. Adorno erklärt, nicht etwa der Natur entgegengesetzt, sondern sie umfasst viel mehr das Bewahren und die Pflege der Natur, wie der Ursprung des Wortes aus dem Lateinischen auch die Arbeit des Bauern meint (Landpflege). Adorno verwendet hier das schöne Beispiel vom Wein, der ein hoch geachtetes Kulturprodukt ist. Dessen Qualität wird umso mehr geschätzt, wenn in ihm etwas vom Geschmack der Erde und der Landschaft, in welcher die Weinstöcke wuchsen, bewahrt bleibt. Ästhetisches Schaffen kann so als die Veredelung von Natur betrachtet werden. Andererseits stellt dieses Schaffen, sofern es nicht vollends vom Tauschprinzip durchdrungen ist, ein Drittes her, das weder der Natur noch der mechanischen Maschinerie der instrumentellen Vernunft zugerechnet werden kann. Da es vom menschlichen Willen geformt worden ist, ist es nicht mehr ein natürlicher Gegenstand. Es ist aber ebenso wenig einem Zweck untergeordnet und deshalb auch nicht der instrumentellen Vernunft unterworfen. Somit ist Kunst, wo sie gelingt, eine Form gesellschaftlicher Vermittlung, die über das Bestehende hinausweist. Kunst ist zudem „Entfaltung von Wahrheit“, da sie stets alleine ihrer Struktur nach bereits eine Negation der falschen Gesellschaft ist, indem sie die allgemeine Hegemonie der instrumentellen Vernunft in Frage stellt. In ihr kommen die Dinge, Menschen und Gesellschaften zur Wahrheit, weil die Kunst die inneren Widersprüche jener zu versöhnen trachtet. In einem Kunstwerk, das diese Bezeichnung auch tatsächlich verdient, finden Natur und Kultur einen gemeinsamen Ort.Die innere Natur des Menschen (das Unbewusste) und ihre Unterdrückung, bzw. die äußere Natur und ihre Beherrschung finden sich in ihm dialektisch verquickt, woraus ein neues Drittes sich ergibt. Die Kunst vermag jedoch keine positive Utopie zu liefern. Das „neue Dritte“ vermittelt sich nicht anders, als durch das Kunstwerk selber. In den gelungensten Werken scheint etwas von dieser Freiheit auf, die sich jedoch nicht auf anderem Wege vermitteln lässt.

In einer Welt der unversöhnten Widersprüche, in der also Dinge und Menschen nicht zu sich selbst kommen, ist auch die ästhetische Produktion nicht davon ausgenommen. Die Herausforderung großer Kunst liegt demnach darin, die Widersprüche zu befrieden. Das bedeutet, Natur und Naturbeherrschung in einem besonderen Zustand zur Eintracht zu bringen. Beispiele solcher Werke sind beispielsweise bei Picasso und Beethoven zu finden.

Bruno & Michel are smiling betrachtet sich nicht als ernste Musik, geschweige denn als große Kunst. Die Musik von Bruno & Michel are smiling ist von zahlreichen Widersprüchen durchzogen. So ist zum Beispiel der Widerspruch zwischen Spontaneität auf der einen Seite (die sich in der Musik als Improvisation darstellen kann) und kühler Abstraktion (z.B. mathematische Kompositionsverfahren)auf der anderen, zugunsten letzterer entschieden. Die Komposition am Computer bringt bereits strukturell dieses Ungleichgewicht mit sich. Hinzu kommt der Unwille des Autors, Partei für die Unmittelbarkeit zu ergreifen, da diese, auf die Weise wie sie heute begehrt wird, bloße Ideologie ist. Weil sie die Bedingungen ihrer eigenen Vermitteltheit durch die Gesellschaft nicht mitdenkt. Die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit schließlich, führte in Deutschland nach Auschwitz. Das beständige Pendeln zwischen widerstreitenden Momenten im Schaffungsprozess ist aufwendiger, aber fruchtbarer Bestandteil des Komponierens und schlägt sich nieder in Unentschlossenheit und Fragmentierung der Stücke. Bruno & Michel are smiling spiegelt auf diese Weise die Verhältnisse wieder, ohne über sie hinaus zu gehen. Bruno & Michel are smiling stellt somit Unterhaltungsmusik her, die den Verhältnissen verhaftet bleibt. Der einzige Beitrag, den sie zur Emanzipation beitragen könnte, ist ihr reflexives Moment, das den Hörer auf seine eigenen inneren Widersprüche aufmerksam machen kann.

HAMBURG, 11. November 2004

Einen grundlegenden Überblick über die kritische Theorie der Kultur kann auch folgendes Interview mit ROGER BEHRENS(Autor, Herausgeber der Zeitschrift Testcard) geben, das von der Internetzeitschrift Beatpunk.org geführt wurde und welches auf deren Website zu hören und zu lesen ist: http://www.beatpunk.org/stories/roger_behrens.html